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Bericht zum Lehrgang mit Pascal Lecourt am 15. und 16. Januar 2011 in Luxemburg

Wieder einmal raus aus der heimischen Turnhalle, frische Luft schnuppern und Neuland erobern
Wer denkt, Karate sei eine reine Hallensportart und Karatekas sehen immer nur die gleiche Turnhalle von innen, der irrt – schließlich gibt es tolle Wochenendlehrgänge, die dazu einladen, die heimische Sporthalle zu verlassen und zum Beispiel nach Luxemburg zu fahren. Das Wochenende vom 15. und 16. Januar stellte mit dem Lehrgang von Pascal Lecourt genau solch eine Gelegenheit dar. Der französische Trainer brachte die rund 80 Karatekas, die den mehr oder weniger weiten Weg nach Luxemburg angetreten hatten, in je zwei Trainingseinheiten am Samstag und Sonntag ordentlich ins Schwitzen.


Das erste Training am Samstag stand ganz unter dem Zeichen der Atmung. Lecourt erklärte verschiedene Atemtechniken, zum Beispiel langsam ein- und ausatmen, langsam ein- und schnell ausatmen, schnell ein- und langsam aus- oder schnell ein- und schnell ausatmen. Diese vier Atemweisen wurden dann anhand der acht Blocktechniken mit offenen Händen geübt – erst alleine im Stand, dann mit Partner in der Bewegung und abschließend zu dritt.



Hangetsu dachi ausgiebig gezeigt, erklärt und natürlich geübt
Nach einer kurzen Pause von knapp 30 Minuten begann dann auch schon die zweite Einheit. Auf dem Plan stand die Kata Hangetsu, doch bevor Lecourt den Ablauf üben ließ, demonstrierte und erklärte er zuerst einmal ausführlich den Hangetsu dachi. Da dieser Stand nur in dieser einen Kata vorkomme, käme er im Training meistens zu kurz, so Pascal Lecourt. Dem versuchte er entgegen zu wirken, indem er uns zunächst ohne Armtechniken den Hangetsu dachi üben ließ. Danach begann das Training des Ablaufes, besonders für die kleine Mittelstufe schon recht anspruchsvoll. Als Abschluss setzte Lecourt die erste Technikenfolge der Hangetsu in ein kurzes, aber anschauliches, Bunkai um. Gemeinsam mit dem Partner wurden die Techniken der Kata bis zur ersten Wendung geübt. Mit dem traditionellen Gruppenfoto – wie immer erst nach dem Training aufgenommen, wer legt denn schon Wert darauf, auf einem Foto für die Nachwelt vielleicht nicht unbedingt mit hochrotem Kopf und schweißnassem zerzaustem Haar festgehalten zu werden – wurde das Training beendet. Als schönen Abschluss bat Anne aus Luxemburg die aus dem Ausland angereisten Karatekas nach vorne, immer nach dem Herkunftsland unterteilt. So konnten alle Vertreter aus Belgien, Frankreich, Estland, England, der Schweiz, Spanien und Deutschland für ihre teils doch wirklich weite Anreise beklatscht werden. Danach ging es ab unter die Dusche – wobei manch einer seinen Gi gleich mitduschen hätte können. Es soll ja nicht zu viel verraten werden, aber Oliver änderte Pascal Petrellas Spitznamen aus Andorra, „le petit dinosaure“ (der kleine Dinosaurier) flugs in „the butcher“ (der Metzger) um, als er seinen Gi nach dem Training betrachtete. Natürlich sah das Ganze aber wieder schlimmer aus, als es eigentlich war =)


Kunst der Kommunikation – beim Versagen von Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch blieb immer noch das weite Feld der Mimik und Gestik zur Verständigung
Abends trafen sich einige der Lehrgangsteilnehmer zum gemeinsamen Essen. Da das Restaurant frisch renoviert und gerade den ersten Tag wieder geöffnet hatte, war allesetwas provisorisch – von der Heizung, die in dem eiskalten Raum erst beim Eintreffen der Gäste angeschaltet wurde bis zum Büffet, das etwas unstrukturiert wirkte und erst einiger erklärenden Worte des Kellners bedurfte. Nichtsdestotrotz war es ein vergnüglicher Abend. Der multikulturellen Zusammensetzung der Gruppe entsprechend, fanden die Tischgespräche häufig wechselnd auf Englisch, Deutsch, Französisch oder gar Spanisch statt. Wenn die Wörter fehlten, wurden erst die Tischnachbarn um Rat gefragt und dann Hände und Füße zum Gestikulieren benutzt – eins von beidem klappte immer.

 

Tag zwei hatte es ganz auf die kleinen grauen Zellen abgesehen


Am Sonntag ging es um 10.30 mit der ersten der beiden Trainingseinheiten weiter. Um dem frühmorgendlich sowieso noch nicht ganz entfalteten Gehirn auch unter Garantie einen handfesten Knoten beizubringen, hatte sich Pascal Lecourt die Kata Heian Oyo für die Trainierenden ausgesucht. Diese Mischung aus den Heian Katas könnte böse formuliert wohl auch als Verwirrung stiftendes Kata-Wirrwarr bezeichnet werden. Passage für Passage demonstrierte Lecourt die Kata und ließ sie dann einige Male üben. Danach gab es geteilte Aufgabenstellungen – während die Farbgurte die jeweilige Passage erneut liefen, sollten die Danträger gleichzeitig die gleiche Passage ura laufen, also seitenverkehrt (Hirnknoten Nummer Eins). Danach blieben nur die Farbgurte bei der Omote-Form, die Braungurte sollten die Kata ura ausführen und die Schwarzgurte hatten das Vergnügen mit der Go-Form der Kata, also alle Bewegungen rückwärts ausgeführt (Hirnknoten Nummer Zwei). So arbeiteten sich alle Passage für Passage durch, bis die Kata komplett war. Als die Luft in der Halle von den vielen rauchenden Köpfen langsam trüb wurde und das ein oder andere Gehirn in Kombination mit der Lunge um Gnade bettelte (die Heian Oyo ist ziemlich lang), hatte die Uhr ein Einsehen und die erste Trainingseinheit neigte sich dem Ende zu. Eine halbe Stunde Pause gab dem geplagten Kopf etwas Zeit zur Erholung, und die war auch notwendig.


Im zweiten Training folgten nämlich drei Anwendungskombinationen aus der Heian Oyo, jeweils mit mehreren verschiedenen Varianten auszuführen. Um dem Ganzen die Schärfe zu nehmen, zeigte Lecourt unterschiedliche Kombinationen für die Farb- und Schwarzgurte. Während sich die Kyugrade mit den Basis-Anwendungsmöglichkeiten der Heian Katas beschäftigten, die durch den neuen Ablauf neu kombiniert wurden und somit nicht ganz ohne waren, bekamen die Danträger etwas umfangreichere Stücke des Bunkais präsentiert. Aufgrund der Länge und Komplexität der einzelnen Kombinationen und den mindestens zwei oder drei verschiedenen Varianten, die Lecourt jedes Mal zeigte, waren die Köpfe bald wieder am Rauchen. Das Resultat waren eifrig trainierende Danträger, die häufig stehen blieben um beim Rest der Truppe zu spicken, was jedoch meistens nichts brachte, weil jedes Zweierteam etwas völlig anderes zu machen schien. Kaum zu glauben, dass alle an den gleichen Kombinationen arbeiteten. Vielerorts wurden auch Fragen erörtert und eigene Alternativen ausprobiert, da Lecourts Ausführungen teilweise nicht ganz den persönlichen Geschmack jedes Einzelnen trafen. Er bemühte sich zwar, bei den totalen Hirnblockaden rechtzeitig Abhilfe zu schaffen, aber natürlich konnte er nicht überall gleichzeitig sein.

Als Abschluss ließ er alle eine Kata freier Wahl laufen. Damit war der Wochenendlehrgang schon wieder vorbei. Schnell wurden noch die letzten Adressen und Handynummern ausgetauscht, bevor es unter die Dusche und dann ab nach Hause ging. Als Andenken wurde von vielen neben den zahlreichen kleinen – nach langjähriger Karateerfahrung so liebgewonnen – blauen Flecken noch zufrieden lächelnd eine Tankfüllung herrlich günstigem luxemburgischen Sprit mitgenommen. Dann ging es nichts wie heim, um vielleicht noch ein paar Stunden die Füße hochzulegen, denn schön war das Wochenende ja wirklich, aber erholsam ist einfach etwas anderes…

Cassandra Lajko

 

 

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