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„Ihr müsst immer 100 Prozent geben!“
Kangeiko in Eggberge (Schweiz) Jedes Jahr stellt sich die gleiche Frage: wie, wo und mit wem soll Silvester gefeiert werden? Dieses Jahr entschieden sich einige Karatekas dafür, gemeinsam mit Freund/in oder Familie das neue Jahr in der Schweiz, genauer gesagt in Eggberge, zu beginnen. Pascal Petrella hatte bei der Mitgliederversammlung des KSK im September angeboten, das Judohaus in Eggberge über Silvester anzumieten und dort ein Kangeiko zu veranstalten. Da der Vorschlag auf reges Interesse stieß, wurde er in die Tat umgesetzt. So verbrachten 22 Personen, unter anderem aus Müllheim, Karlsruhe, Leicester (England), Wolverhampton (England), Lörrach und Ludwigshafen, fünf Tage im Judohaus in Eggberge.
Die Anfahrt am 30. Dezember verlief reibungslos, abgesehen von Pascals doppelter Grenzüberquerung – er bekam direkt hinter der Schweizer Grenze einen Anruf, dass die Kiste mit den Küchenvorräten noch zu Hause stehen würde und musste umdrehen, um sie zu holen. Sogar Olivers Auto, das fünf Personen inklusive ihrem Gepäck transportieren musste (*stopf*drück*quetsch*) kam heil an. An der Seilbahnstation wurde dann alles Gepäck gesammelt und nach oben auf den Berg verfrachtet. Das dauerte eine Weile – bei den Bergen von großen Taschen („Jasmin, hast du eine Leiche in deiner Tasche?!“) und riesigen Rucksäcken war das auch kein Wunder. Oben angekommen ging die fröhliche Gepäckschlepperei bis zum Judohaus weiter. Nach der erfolgreichen Ankunft und Aufteilung der Zimmer kam Pascals erster Einsatz als Küchenchef, der wohl alle auf Anhieb überzeugte. Nach dem Kücheaufräumen, für das immer eine andere Gruppe zuständig war, ging es los mit dem ersten Training.
Den Auftakt der insgesamt acht Trainingseinheiten machte Derek Ridgway, 7. Dan. Er nutzte die eineinhalb Stunden, um mit uns Bunkai der Heian Sandan zu trainieren. Gemeinsam mit einem Partner wurde die Kata Schritt für Schritt auseinander genommen und anschließend in Kumitekombinationen mit vielen Hebeln und Würfen wieder zusammengesetzt. Die Tatamis, die den Boden des Dojos im Keller des Hauses bedeckten, wurden also gleich am ersten Abend fröhlich herumfliegend und –wirbelnd eingeweiht. Nach dem Training ging es ab unter die Dusche, wobei es bemerkenswerter Weise trotz der wenigen Duschen und vielen Karatekas kaum längere Wartezeiten gab. Als sich dann jeder nach dem Duschen in bequeme Kleidung geworfen hatte, verwöhnte Pascal uns mit dem Abendessen: Tortellini mit Pesto und Ackersalat – lecker! Satt und zufrieden verabschiedeten sich nach interessanten Gesprächen und lustigen Spielrunden dann immer mehr aus dem Aufenthaltsraum und gingen schlafen – bis am nächsten Morgen die Essensglocke wieder zum Frühstück rief.
Das zweite Training des Kangeikos übernahm Pascal Petrella, 6. Dan. Er konzentrierte sich auf die acht Blocktechniken mit geschlossenen Händen, die zuerst im Kihon geübt wurden. Im anschließenden Kumite wurden die Partner häufig gewechselt, so dass fast jeder mit jedem trainierte. Pascals oberstes Anliegen war die maximale Leistungsbereitschaft jedes Trainierenden. „Ihr müsst immer 100 Prozent geben!“, forderte er mehrmals. Da die Gruppe recht überschaubar war, nutzte er die Gelegenheit, jeden einzeln zu korrigieren und auf Fehler aufmerksam zu machen. Eine Korrektur, die er allen mit auf den Weg gab, war das Angreifen ohne Vorankündigung (also den Angriff nicht durch ein Zucken mit der Faust oder ein Umsetzen des Fußes verraten). Außerdem erklärte er, dass bei einem Angriff mit einer Fußtechnik der Verteidiger die Kontertechnik bereits erfolgen lassen müsse, bevor der Angreifer sein tretendes Bein wieder auf dem Boden abgesetzt habe.
Nach einer kurzen Atempause von 15 Minuten folgte die dritte Einheit bei Dave Wilkins, 6. Dan. Er gab einige seiner Erfahrungen an uns weiter, die er auf seiner Okinawareise 2008 gesammelt hatte. Dort hatte er unter anderem bei Isamu Arikaki, 10. Dan Shorin Ryu, trainiert und vermittelte uns nun anhand der Kata Tekki Shodan einige seiner Grundprinzipien. So legte er besonderen Wert auf die jeweilige Endstellung der einzelnen Techniken. Diese wurden von einem Partner durch ziehen oder drücken auf ihre Stabilität geprüft. Dave stellte einige Feinkorrekturen und Alternativvorschläge vor, die ausprobierten werden konnten und siehe da, fast immer wurde die Stabilität verbessert – ohne mehr Kraft aufwenden zu müssen. Einige dieser Feinkorrekturen waren beispielsweise die Standhöhe oder die Haltung und Position der Hände und Ellenbogen. Tatsächlich konnte der Partner mehr Druck geben, wenn bei der ersten Technik der Kata Haishu Uke der Arm nicht ganz gestreckt wurde sondern leicht angewinkelt war. Auch der Kage Zuki wurde stabiler, wenn der Arm leicht abgesenkt wurde, also nicht direkt auf Bauchnabelhöhe war. Besonderen Wert legte Dave auf die Positionierung von Hüfte und Becken. Er erklärte, dass jeder für sich entscheiden und herausfinden müsse, wie die jeweilige Technik oder Position am stärksten sei.
Nach insgesamt drei Stunden Training folgte das wohl verdiente Mittagessen. Der Rest des Nachmittags stand zur freien Verfügung und wurde zum Spielen, Schlafen und Unterhalten genutzt.
Für Fabienne und David aus Karlsruhe war der Mittag allerdings nicht ganz so entspannt: Beide legten bei Pascal erfolgreich ihre Prüfung zum 1. Dan ab – und hatten abends bei der Silvesterparty dann noch einen Grund mehr zum Feiern.
Die Zeit bis zum Jahreswechsel um Mitternacht wurde hauptsächlich mit verschiedenen Gesellschaftsspielen überbrückt. Kurz vor zwölf standen dann alle dick eingepackt mit Sektgläsern vor dem Haus, warteten auf den Countdown und wünschten sich nach erfolgreichem Runterzählen auf Null gegenseitig herzlich ein schönes Neues Jahr – quasi „das große Knuddeln“ auf der Veranda des Judohauses. Während manche gleich wieder vor der Kälte flohen und zurück ins Haus gingen, blieben andere noch eine Weile an der frischen Luft, wo jeder das neue Jahr auf seine ganz persönliche Art und Weise begrüßte ;-)
Zurück im warmen Aufenthaltsraum wurde Claudias Gitarre ausgepackt und stimmkräftig losgelegt – manchmal mehr schlecht als recht (natürlich nur aufgrund der fehlenden Textkenntnisse und der Knappheit an Liederbüchern), manchmal richtig gut. Claudia, David, Derek und Ash wechselten sich an der Gitarre ab und begleiteten fast alle geäußerten Liedwünsche der Sängerinnen und Sänger. Nachdem schon einige schlafen gegangen waren, kam die Idee auf, dass jeder doch noch einmal solo singen könnte – was Pascal dann mit einer beeindruckenden Tenorstimme auch gleich tat: „O sole mio…“
An Neujahr verzögerte sich das Aufstehen und Frühstücken etwas nach hinten, aber schließlich waren dann doch alle wach und fit für die vierte Trainingseinheit des Kangeikos mit Gerhard Scheuriker, 5. Dan. Seine Schwerpunkte lagen besonders auf der Konzentration auf sich selbst und der Aufmerksamkeit auf den Partner, besonders als Angreifer. Das verdeutlichte er bei den Kihonkombinationen, die er an den Anfang des Trainings stellte. Die Grundidee dieser Kombination war der „rotierende Schritt“: Wurde zum Beispiel zuerst mit einem Schritt vorgegangen und geblockt, dann im Stand zweimal gekontert, wurde auf Kommando zwei im Stand geblockt und mit dem ersten Gegenangriff ein Schritt vorgegangen, der zweite erfolgte im Stand. So wurde der Schritt immer weiter nach hinten verschoben. Gerhards betonte, dass sich jeder auf sich selbst konzentrieren sollte, also jeder sein eigenes Tempo wählen und sich nicht zu schnellen und starken Techniken verleiten lassen sollte, obwohl die Kombination noch nicht klar war. Anfangs war es zwar schwer, den vorpreschenden Karateka neben sich zu ignorieren und ehrlich sein eigenes Tempo zu verfolgen, aber mit mehreren Wiederholungen wurde es besser. Im anschließenden Kumitetraining wollte Gerhard vor allem die Aufmerksamkeit des Angreifers schulen und gab ihm die Aufgabe, sich die Gegenangriffe des Verteidigers zu merken und anschließend selbst auszuführen. Der Nachmittag stand wieder zur freien Verfügung und wurde von den meisten genutzt, um im frisch gefallenen Schnee Schlitten zu fahren oder spazieren zu laufen. Natürlich wurde auch ein wenig geschlafen, um sich zu erholen. Viele nutzten auch das Angebot von Claudia, sich bei einer halben Stunde Reiki mit frischer Energie versorgen zu lassen.
Nach dem Abendessen und einer angemessenen Zeit zum Verdauen ging es dann im Gi dick eingepackt mit Winterstiefeln, Jacke, Mütze und Handschuhen raus in den Schnee zum Nachttraining. Der Vollmond machte weitere Beleuchtungsquellen unnötig und so stapften wird zu elft durch den Neuschnee, stellten uns unter Pascals Leitung in einer Reihe auf den schmalen Trampelpfad mit Blick auf den See (der allerdings in Nebel, Schneegestöber und Dunkelheit verschwunden war) und los ging es: Runter in Kibadachi und Oizuki schlagen, jeder zählt auf zehn, wenn die Reihe einmal durch war ging es von vorne los… So wurden einige Techniken durchgearbeitet, bevor es über den Trampelpfad zurück zum Judohaus ging – im Zenkutsudachi mit Oizuki und Gyakuzuki in einer langen Schlange bergauf und bergab durch den Schnee, jede zehnte Technik natürlich mit Kiai. „Verrückt – aber geil!“ – das haben sich wohl die meisten gedacht, die dieses einmalige Nachttraining mit Pascal absolvierten.
Am nächsten Morgen setzte Gerhard nach dem Frühstück sein Training vom Vortag fort. Er konzentrierte sich weiter auf die Aufmerksamkeit auf den Gegner, die sowohl der Verteidiger als auch der Angreifer haben sollte. Auch die Kihonkombinationen mit dem „rotierenden Schritt“ griff er erneut auf, dieses Mal jedoch mit anderen Techniken, außerdem ergänzte er die Kaeashibewegung um Tsugiashi, um uns so noch mehr mögliche Bewegungsmuster zu zeigen. Ein weiterer Schwerpunkt war das so genannte „neutrale Schlagen“ – also das Ausführen des Angriffs gerade nach vorne, ohne in die Richtung zu drücken, aus der der Block des Partners kommt. Um diese „Neutralität“ zu erreichen, sollten wir mit geschlossenen Augen angreifen, während der Gegner mit offenen Augen kontrollierte, indem er den Angriff auf verschiedene Arten blocken konnte, ihm auswich oder als Ziel stehen blieb und sich treffen ließ. So stellte der Angreifer schnell fest, wie „neutral“ sein Angriff wirklich war. Der freie Nachmittag wurde wieder zum Schlitten- und Skifahren genutzt, schließlich hatte es noch mehr geschneit. Dank der klaren Sicht und dem strahlendem Sonnenschein zückten auch viele den Fotoapparat und schossen Bilder von der Umgebung.
Abends erfolgte die vorletzte Trainingseinheit des Kangeikos mit Derek Ridgway. Ähnlich wie in seiner ersten Trainingseinheit mit der Heian Sandan, zerlegte er nun die Heian Yondan in kleine Kumitekombinationen, die dann alle aneinandergehängt wurden. Die einzelnen Anwendungen beinhalteten wieder viele Hebel und Würfe. Insgesamt war das Training anspruchsvoller als die erste Einheit bei Derek, da weniger Zeit zum Üben der Einzelkombinationen blieb, sonst hätte nur ein Teil der Kata behandelt werden können. Nach einer erfrischenden Dusche und einem leckeren Abendessen wurden dann wieder Karten-, Würfel- und Brettspiele ausgepackt, viel geredet und gelacht. Der nächste Tag war dann auch schon der Tag der Abreise. Nach dem Frühstück kam die letzte Trainingseinheit mit Dave Wilkins, in der er sich auf die Lehren eines anderen Senseis konzentrierte, bei dem er in Okinawa trainiert hatte: Katsuhiko Shinzato, 10. Dan Shorin Ryu. Im Gegensatz zu seiner ersten Trainingseinheit, in der er die Endstellung der Techniken betrachtet hatte, legte er nun Wert auf die eigentliche Ausführung der Technik bis zur Endstellung. So ließ er einen Partner bei der Ausführung einiger Kihontechniken Widerstand geben und die richtige Bewegung kontrollieren. Besonders wichtig sei es, den Ellenbogen immer so lange wie möglich ganz nah am Körper zu führen, so Dave. Er demonstrierte dies an einigen Techniken und erklärte, worauf jeweils zu achten sei. Wie bereits im ersten Training legte er einen Schwerpunkt auf das Vorspannen des Beckens, das parallel zum Endpunkt der Technik erfolgen sollte. Nach dem Mittagessen wurde alles Gepäck zusammengetragen und das Haus geputzt. Da jeder kräftig mithalf, waren wir bereits um 14 Uhr an der Gondelstation. Unten angekommen wurden die vielen Taschen sortiert und in viel zu kleine Kofferräume gequetscht. Schnell wurden noch die letzten Adressen und ausgetauscht und dann hieß es „Tschüß, kommt gut heim und BIS ZUM NÄCHSTEN MAL!“
Cassandra Lajko |